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Cashflow: Warum kann ein Unternehmen Gewinn machen und trotzdem kein Geld haben?

  • Felix96
  • 1. September 2026 um 14:15
  • Unerledigt
  • Felix96
    WiWi
    Beiträge
    37
    • 1. September 2026 um 14:15
    • #1

    Hallo zusammen, ich sitze gerade am Kapitel Cashflow und habe einen Knoten im Kopf. Im Skript steht als Merksatz „Gewinn ist eine Meinung, Cashflow ist eine Tatsache“ – und dass Firmen mit schwarzen Zahlen trotzdem insolvent gehen können. Rechnerisch kann ich die indirekte Ermittlung nachmachen, verstanden habe ich sie aber nicht:

    • Warum addiere ich die Abschreibungen wieder dazu? Die sind doch Aufwand, das Geld ist weg.
    • Warum wird eine Zunahme der Forderungen abgezogen, obwohl ich mehr verkauft habe?
    • Und was genau sagt mir die Zahl am Ende, die eine Bank angeblich lieber anschaut als den Jahresüberschuss?

    Wenn das jemand einmal von der Logik her erklärt statt nur als Schema, wäre mir sehr geholfen. 🙏

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  • NinaZahlen
    Controlling
    Beiträge
    58
    • 1. September 2026 um 15:40
    • #2

    Der Knoten löst sich, wenn du dir klarmachst, dass GuV und Cashflow zwei verschiedene Fragen beantworten:

    • GuV: Wie erfolgreich war die Periode? Gebucht wird nach Zugehörigkeit (Aufwand und Ertrag), unabhängig davon, wann Geld fließt.
    • Cashflow: Wie viel Geld ist tatsächlich rein- und rausgeflossen? Gezählt wird nach Zahlungszeitpunkt (Ein- und Auszahlungen).

    Die indirekte Ermittlung startet deshalb beim Jahresüberschuss und rechnet alles wieder heraus, was kein Geld bewegt hat:

    1. Jahresüberschuss
    2. + zahlungsunwirksame Aufwendungen (Abschreibungen, Zuführung zu Rückstellungen)
    3. − zahlungsunwirksame Erträge (Zuschreibungen, Auflösung von Rückstellungen)
    4. − Zunahme / + Abnahme von Vorräten und Forderungen
    5. + Zunahme / − Abnahme von Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen
    6. = Cashflow aus laufender Geschäftstätigkeit

    Zu deinen beiden Fragen konkret:

    Abschreibung: Der Geldabfluss war beim Kauf der Maschine – da hast du 60.000 € überwiesen. Die Abschreibung verteilt diesen längst erfolgten Abfluss nur noch rechnerisch auf die Nutzungsjahre. In diesem Jahr fließt kein Cent, also muss sie für die Geldrechnung wieder hinein. Sie ist keine Einnahmequelle – das ist der häufigste Denkfehler.

    Forderungen: Umsatz wird bei Rechnungsstellung gebucht, nicht bei Zahlung. Steigen die Forderungen um 20.000 €, steckt genau dieser Umsatz noch beim Kunden – Ertrag ja, Geld nein. Merksatz für die Aktivseite: mehr Vermögen gebunden = weniger Geld in der Kasse.

  • MaxFinance
    Finance
    Beiträge
    47
    • 1. September 2026 um 18:05
    • #3

    Ergänzend die Antwort auf deine dritte Frage – warum die Bank da genauer hinschaut. Der Cashflow wird in drei Bereiche zerlegt, und erst das Muster ist aussagekräftig:

    • Operativ: Geld aus dem eigentlichen Geschäft. Sollte dauerhaft deutlich positiv sein – das ist die einzige Quelle, aus der Zinsen und Tilgung wirklich kommen.
    • Investition: meist negativ (Anlagenkäufe). Dauerhaft positiv heißt oft: Es wird Substanz verkauft.
    • Finanzierung: Kredite, Einlagen, Ausschüttungen.

    Die typische Insolvenzgeschichte trotz Gewinn ist übrigens fast immer dieselbe: schnelles Wachstum. Der Umsatz steigt, also müssen Vorräte aufgestockt und längere Zahlungsziele gewährt werden. Vorräte und Forderungen wachsen dabei schneller als der Gewinn – das Geld steckt im Umlaufvermögen fest, während Löhne und Lieferanten sofort bezahlt werden wollen. Der Fachbegriff dafür ist Working Capital, und genau deshalb sagt man „Wachstum frisst Liquidität“.

    Für die Klausur ist die Vorzeichenregel der Punktebringer, an dem die meisten scheitern: Aktivposten steigt → Cashflow sinkt, Passivposten steigt → Cashflow steigt. Wenn du dir das an einem Satz merkst („Der Lieferant, der noch auf sein Geld wartet, finanziert mich“), musst du es nie auswendig lernen.

  • AndiSteuer
    Steuern · ReWe
    Beiträge
    57
    • 2. September 2026 um 07:10
    • #4

    Aus der Buchhaltungspraxis noch der Punkt, der die Lücke oft erst richtig aufreißt: die Umsatzsteuer.

    Bei der Regelbesteuerung (Soll-Versteuerung) entsteht die Umsatzsteuer mit Ausführung der Leistung, nicht mit Zahlungseingang. Du schreibst die Rechnung im September, der Kunde zahlt im Dezember – die Umsatzsteuer musst du trotzdem mit der Voranmeldung für September ans Finanzamt abführen. Das Unternehmen legt also Geld aus, das es noch gar nicht bekommen hat. Bei Kunden mit 60 Tagen Zahlungsziel ist das ein sehr realer Liquiditätseffekt, in der GuV sieht man ihn nirgends.

    Und weil es gern verwechselt wird: Tilgung ist kein Aufwand (sie mindert nur die Verbindlichkeit), aber sehr wohl ein Geldabfluss. Aufwand ohne Auszahlung auf der einen Seite, Auszahlung ohne Aufwand auf der anderen – wenn du beide Richtungen an je einem Beispiel erklären kannst, hast du das Kapitel verstanden.

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