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Just-in-Time-Beschaffung – warum macht man sich freiwillig so abhängig vom Lieferanten?

  • TimDual
  • 9. September 2026 um 20:15
  • Unerledigt
  • TimDual
    Maschinenbau (dual)
    Beiträge
    29
    • 9. September 2026 um 20:15
    • #1

    Hi zusammen, bei uns im Betrieb stand letzte Woche eine Anlage einen halben Tag still, weil eine Lieferung nicht kam. In der Vorlesung wird Just-in-Time aber als Musterlösung gefeiert.

    Das passt für mich nicht zusammen: Ein volles Lager kostet doch nur einmal Geld, ein Bandstillstand kostet richtig viel. Warum ist es trotzdem betriebswirtschaftlich sinnvoll, Bestände so weit runterzufahren?

    In der Klausur kommt bestimmt „Beurteilen Sie die Just-in-Time-Beschaffung“ – und ich möchte da mehr schreiben können als „Vorteil: weniger Lagerkosten, Nachteil: risikoreich“. 🙈

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  • FabianControl
    Controlling
    Beiträge
    46
    • 9. September 2026 um 21:40
    • #2

    Dein Bauchgefühl ist gar nicht falsch – dir fehlt nur die halbe Kostenrechnung. „Ein volles Lager kostet einmal Geld“ stimmt nämlich nicht: Es kostet laufend, und zwar an mehreren Stellen gleichzeitig.

    Was in den Lagerhaltungskosten steckt:

    • Kapitalbindung. Das ist der größte und der unsichtbarste Posten. Jeder Euro im Regal ist ein Euro, der nicht auf dem Konto liegt und der Zinsen kostet bzw. keine bringt. Deshalb rechnet man mit kalkulatorischen Zinsen auf den durchschnittlichen Lagerbestand.
    • Raum- und Handlingkosten: Fläche, Regale, Stapler, Personal, Heizung, Versicherung.
    • Risikokosten: Schwund, Beschädigung, Veralten. Bei Elektronik oder Saisonware ist das der Killer – ein Teil, das ein Jahr liegt, ist unter Umständen schlicht nichts mehr wert.

    Zusammengefasst wird das im Lagerkostensatz, der je nach Branche in der Größenordnung von 15–25 % des Bestandswerts pro Jahr liegt. Bei einem Bestand von 2 Mio. € reden wir damit über einen laufenden sechsstelligen Betrag. Die passenden Kennzahlen dazu sind Lagerumschlagshäufigkeit und Reichweite.

    Der zweite, eigentlich spannendere Gedanke hinter JIT stammt aus der Lean-Denkweise: Bestand ist ein Puffer, der Probleme versteckt. Unzuverlässige Lieferanten, lange Rüstzeiten, schwankende Qualität – all das fällt nicht auf, solange genug im Regal liegt. Senkt man den Bestand, werden diese Probleme sichtbar und müssen gelöst werden. JIT ist deshalb nicht nur eine Beschaffungsform, sondern ein Verbesserungsdruck.

    Und damit zur Klausurantwort: JIT ist kein Selbstzweck, sondern hat Voraussetzungen. Nenne sie, dann hast du die Punkte:

    • gleichmäßiger, gut planbarer Bedarf ohne starke Schwankungen,
    • verlässliche Lieferanten mit hoher Termin- und Qualitätstreue, oft in räumlicher Nähe,
    • enge informationstechnische Anbindung (Abrufe statt Einzelbestellungen),
    • hoher Wert bzw. hoher Volumenanteil des Teils.

    Der letzte Punkt ist der, den die meisten vergessen: Über die ABC-/XYZ-Analyse entscheidet man das je Teil. A-Teile mit gleichmäßigem Verbrauch (AX) sind JIT-Kandidaten. Für die billige C-Schraube mit unregelmäßigem Bedarf ist ein voller Kasten die wirtschaftlich richtige Lösung – da ist die Kapitalbindung lächerlich klein und der Aufwand je Bestellung vergleichsweise hoch.

  • Basti92
    Marketing
    Beiträge
    23
    • 10. September 2026 um 07:10
    • #3

    Fabian hat die Kostenseite abgedeckt – ich ergänze die Risikoseite, weil dein Erlebnis mit der stehenden Anlage genau der Punkt ist, der die Bewertung in den letzten Jahren verschoben hat.

    JIT verlagert Bestände nicht ins Nichts, sondern auf die Straße und zum Lieferanten. Solange alles läuft, ist das effizient. Fällt ein Glied aus, gibt es aber keinen Puffer mehr, der die Störung abfängt – und weil in einer JIT-Kette alles eng getaktet ist, schlägt eine Störung sofort durch. Genau das haben die Lieferkettenprobleme der letzten Jahre gezeigt: Was als schlanke Kette gefeiert wurde, war zugleich eine verwundbare Kette.

    Was Unternehmen daraus gemacht haben – und was sich prima als Gegenmaßnahmen in eine Beurteilung schreiben lässt:

    • Sicherheitsbestand für kritische Teile statt Nullbestand über die ganze Bandbreite. Man fragt nicht mehr „JIT ja oder nein“, sondern „für welche Teile“.
    • Dual oder Multiple Sourcing statt einer Alleinquelle – teurer im Einkauf, aber eine Versicherung gegen Ausfall.
    • Regionalere Beschaffung, weil kurze Wege weniger Störanfälligkeit bedeuten.
    • Vertragliche Absicherung: Konventionalstrafen, Konsignationslager beim Kunden, verbindliche Abrufmengen.

    Für die Klausur würde ich genau diese Struktur nehmen, dann ist es keine Stichpunktliste mehr, sondern eine Beurteilung:

    1. Ziel von JIT benennen (Kapitalbindung und Lagerkosten senken, Probleme sichtbar machen).
    2. Voraussetzungen prüfen (Fabians Liste).
    3. Risiken benennen und quantifizieren – die entscheidende Abwägung lautet: eingesparte Lagerkosten gegen erwartete Stillstandskosten, also Ausfallwahrscheinlichkeit mal Kosten je Stillstandsstunde.
    4. Begründete Empfehlung, differenziert nach Teilegruppen, plus die Einschränkung, welche Information dafür noch fehlt.

    Der Satz, der in jeder Musterlösung gut aussieht: Bestände sind keine Verschwendung, sondern gekaufte Sicherheit – die Frage ist nur, ob der Preis dafür angemessen ist. 😉

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