Dein Bauchgefühl ist gar nicht falsch – dir fehlt nur die halbe Kostenrechnung. „Ein volles Lager kostet einmal Geld“ stimmt nämlich nicht: Es kostet laufend, und zwar an mehreren Stellen gleichzeitig.
Was in den Lagerhaltungskosten steckt:
- Kapitalbindung. Das ist der größte und der unsichtbarste Posten. Jeder Euro im Regal ist ein Euro, der nicht auf dem Konto liegt und der Zinsen kostet bzw. keine bringt. Deshalb rechnet man mit kalkulatorischen Zinsen auf den durchschnittlichen Lagerbestand.
- Raum- und Handlingkosten: Fläche, Regale, Stapler, Personal, Heizung, Versicherung.
- Risikokosten: Schwund, Beschädigung, Veralten. Bei Elektronik oder Saisonware ist das der Killer – ein Teil, das ein Jahr liegt, ist unter Umständen schlicht nichts mehr wert.
Zusammengefasst wird das im Lagerkostensatz, der je nach Branche in der Größenordnung von 15–25 % des Bestandswerts pro Jahr liegt. Bei einem Bestand von 2 Mio. € reden wir damit über einen laufenden sechsstelligen Betrag. Die passenden Kennzahlen dazu sind Lagerumschlagshäufigkeit und Reichweite.
Der zweite, eigentlich spannendere Gedanke hinter JIT stammt aus der Lean-Denkweise: Bestand ist ein Puffer, der Probleme versteckt. Unzuverlässige Lieferanten, lange Rüstzeiten, schwankende Qualität – all das fällt nicht auf, solange genug im Regal liegt. Senkt man den Bestand, werden diese Probleme sichtbar und müssen gelöst werden. JIT ist deshalb nicht nur eine Beschaffungsform, sondern ein Verbesserungsdruck.
Und damit zur Klausurantwort: JIT ist kein Selbstzweck, sondern hat Voraussetzungen. Nenne sie, dann hast du die Punkte:
- gleichmäßiger, gut planbarer Bedarf ohne starke Schwankungen,
- verlässliche Lieferanten mit hoher Termin- und Qualitätstreue, oft in räumlicher Nähe,
- enge informationstechnische Anbindung (Abrufe statt Einzelbestellungen),
- hoher Wert bzw. hoher Volumenanteil des Teils.
Der letzte Punkt ist der, den die meisten vergessen: Über die ABC-/XYZ-Analyse entscheidet man das je Teil. A-Teile mit gleichmäßigem Verbrauch (AX) sind JIT-Kandidaten. Für die billige C-Schraube mit unregelmäßigem Bedarf ist ein voller Kasten die wirtschaftlich richtige Lösung – da ist die Kapitalbindung lächerlich klein und der Aufwand je Bestellung vergleichsweise hoch.