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Bilanzanalyse in der Übung: Eigenkapitalquote 28 %, Anlagendeckung II 118 % – ist das jetzt gut?

  • OleNordwind
  • 16. September 2026 um 16:50
  • Unerledigt
  • OleNordwind
    BWL Bachelor
    Beiträge
    36
    • 16. September 2026 um 16:50
    • #1

    Moin, erstes Semester, erste Übung zur Bilanzanalyse. Wir haben einen Geschäftsbericht bekommen und sollten Kennzahlen ausrechnen. Das Rechnen selbst war ehrlich gesagt einfach, ich habe heraus:

    • Eigenkapitalquote: 28 %
    • Liquidität 2. Grades: 95 %
    • Anlagendeckung II: 118 %

    Dann sollten wir „beurteilen“, und ich habe geschrieben: „Die Eigenkapitalquote ist mit 28 % zu niedrig, die Liquidität 2. Grades ist mit 95 % knapp unter dem Sollwert von 100 %, die Anlagendeckung II ist gut.“

    Kommentar vom Dozenten: „Eine Zahl ist noch keine Analyse.“ Mehr nicht. 🙄

    Ich verstehe ehrlich nicht, was er von mir wollte. Die Faustwerte stehen doch so im Skript? Was hätte ich denn sonst schreiben sollen – und wie macht man das „richtig“, damit ich das in der Klausur nicht wieder verhaue?

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  • FabianControl
    Controlling
    Beiträge
    49
    • 16. September 2026 um 19:40
    • #2

    Dein Dozent meint etwas ganz Konkretes, auch wenn er es kryptisch formuliert hat: Eine Kennzahl ohne Vergleichsmaßstab sagt nichts. Genau dafür gibt es Punkte.

    Drei Vergleiche machen aus einer Zahl eine Aussage:

    1. Zeitvergleich – dieselbe Kennzahl über drei bis fünf Jahre. Eine Eigenkapitalquote von 28 % ist etwas völlig anderes, wenn sie von 19 % kommt, als wenn sie von 38 % fällt. Die Richtung ist oft wichtiger als das Niveau.
    2. Branchenvergleich – im Maschinenbau sind 28 % eher dünn, im Großhandel normal, bei einem Immobilienunternehmen mit hoher Fremdfinanzierung fast üppig. Die Faustwerte im Skript sind Mittelwerte über alle Branchen und deshalb für den Einzelfall nur ein grober Anhalt.
    3. Soll-Ist-Vergleich – gegen die Planung oder gegen Auflagen aus Kreditverträgen (Covenants). Banken schreiben Mindest-Eigenkapitalquoten hinein, und deren Verletzung ist relevanter als jeder Lehrbuchwert.

    Vorher kommt aber noch ein Schritt, den du in der Übung vermutlich übersprungen hast: die Aufbereitung zur Strukturbilanz. Man rechnet nicht direkt aus der veröffentlichten Bilanz, sondern sortiert erst um – ausstehende Einlagen und eigene Anteile vom Eigenkapital abziehen, ein aktiviertes Disagio herausnehmen, Forderungen und Verbindlichkeiten nach Restlaufzeit in kurz- und langfristig aufteilen (steht im Anhang bzw. im Verbindlichkeitenspiegel). Ohne diese Aufteilung sind deine Liquiditätsgrade genau genommen nicht belastbar.

    Die Systematik dahinter, damit du die Kennzahlen nicht auswendig lernen musst:

    • Vertikal, Aktivseite – Vermögensstruktur: Anlagenintensität = AV/GV. Hoch heißt viele Fixkosten und wenig Flexibilität.
    • Vertikal, Passivseite – Kapitalstruktur: Eigenkapitalquote = EK/GK, Verschuldungsgrad = FK/EK. Hier geht es um Risikopuffer und Unabhängigkeit.
    • Horizontal – Fristenkongruenz: Anlagendeckung I = EK/AV, Anlagendeckung II = (EK + langfristiges FK)/AV, soll über 100 % liegen („goldene Bilanzregel“). Dazu die Liquiditätsgrade 1., 2. und 3. Grades und das Working Capital (Umlaufvermögen − kurzfristige Verbindlichkeiten).

    Merksatz: Vertikal betrachtet man eine Bilanzseite für sich, horizontal setzt man Aktiv- und Passivseite zueinander ins Verhältnis – die Frage ist immer: Ist langfristig gebundenes Vermögen auch langfristig finanziert?

    Und zu deinen Zahlen: Die 118 % bei der Anlagendeckung II sind die wichtigste deiner drei Zahlen. Sie sagen, dass das Anlagevermögen vollständig langfristig finanziert ist und sogar noch ein Stück des Umlaufvermögens mit. Vor diesem Hintergrund sind die 95 % bei der Liquidität 2. Grades deutlich weniger dramatisch, als sie isoliert wirken. Genau diese Verknüpfung zweier Kennzahlen ist das, was dein Dozent „Analyse“ nennt.

  • NinaZahlen
    Controlling
    Beiträge
    64
    • 17. September 2026 um 06:45
    • #3

    Ich hänge den zweiten Teil an, der in Klausuren fast immer als Zusatzfrage kommt: „Würdigen Sie die Aussagekraft der Bilanzanalyse kritisch.“ Dafür gibt es oft mehr Punkte als fürs Rechnen, und man kann sie komplett vorbereiten.

    Grenzen der Bilanzanalyse:

    • Stichtagsbezug. Die Bilanz ist ein Foto vom 31.12., kein Film. Und das Foto lässt sich stellen: Wenn ich kurz vor dem Stichtag Forderungen eintreibe und damit Verbindlichkeiten tilge, verkürzt sich die Bilanzsumme – und weil das Eigenkapital gleich bleibt, steigt die Eigenkapitalquote, ohne dass sich real irgendetwas verbessert hätte. Das nennt man Window Dressing und ist der Klassiker für diese Frage.
    • Bilanzpolitik. Ansatz- und Bewertungswahlrechte, Abschreibungsmethode, Nutzungsdauern, Einschätzung von Rückstellungen – zwei wirtschaftlich identische Unternehmen können sehr verschiedene Bilanzen zeigen. Beim Vergleich über Jahre deshalb immer auf Stetigkeit achten und in den Anhang schauen.
    • Buchwerte sind keine Marktwerte. Ein längst abgeschriebenes Grundstück steht mit fast nichts in der Bilanz – da schlummern stille Reserven, die deine Eigenkapitalquote systematisch zu schlecht aussehen lassen. Umgekehrt gibt es stille Lasten.
    • Sachverhaltsgestaltung. Leasing statt Kauf und Factoring statt eigener Forderungen verkürzen die Bilanz und schönen damit Quoten, ohne die wirtschaftliche Lage zu ändern.
    • Vergangenheitsbezug. Der Abschluss ist bei Veröffentlichung Monate alt und sagt nichts über Auftragsbestand, Kundenabhängigkeit oder Managementqualität.
    • Keine Aussage zur Ertragskraft. Eine tolle Bilanzstruktur nützt nichts, wenn das Unternehmen kein Geld verdient.

    Deshalb gehören immer drei Bausteine zusammen: Bilanzanalyse (Struktur), Erfolgsanalyse (Umsatzrendite, EBIT-Marge, Gesamt- und Eigenkapitalrentabilität, ROI) und Cashflow-Analyse. Der operative Cashflow ist deutlich schwerer zu gestalten als der Gewinn – im Controlling sagen wir salopp: Gewinn ist eine Meinung, Cash ist eine Tatsache. Wenn der Gewinn steigt, der operative Cashflow aber fällt, ist das eines der verlässlichsten Warnsignale überhaupt.

    Klausurhandwerk – so hätte deine Antwort ausgesehen:

    1. Formel hinschreiben, Werte einsetzen, Ergebnis mit Einheit.
    2. Ein Satz: Was bedeutet die Zahl inhaltlich – nicht „ist niedrig“, sondern „28 % des Vermögens sind durch Eigenkapital finanziert, 72 % durch Fremdkapital; der Verlustpuffer ist entsprechend begrenzt“.
    3. Ein Satz: Welcher Vergleich fehlt und was du deshalb noch bräuchtest (Vorjahreszahlen, Branchenwerte).
    4. Eine Verknüpfung mit einer zweiten Kennzahl – so wie Fabian das mit Anlagendeckung II und Liquidität 2. Grades gemacht hat.
    5. Ein Satz Einschränkung (Stichtagsbezug, Bilanzpolitik). Der kostet dich zehn Sekunden und bringt fast immer einen Punkt.

    Dann schreibst du statt einer Zahlenaufzählung eine Analyse – und genau das wollte er sehen. 🙂

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