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Make-or-Buy: Eigenfertigung oder Fremdbezug – welche Kosten muss ich beim Vergleich wirklich gegenüberstellen?

  • Lena96
  • 27. Juli 2026 um 14:15
  • Erledigt
  • Lena96
    BWL · Fernstudium
    Beiträge
    38
    • 27. Juli 2026 um 14:15
    • #1

    Hallo zusammen, ich sitze an einer Aufgabe zur Make-or-Buy-Entscheidung und komme beim Kostenvergleich ins Schleudern. In der Aufgabe stehen Materialkosten, Fertigungslöhne, anteilige Fixkosten und ein Angebotspreis eines Lieferanten.

    Mein Bauchgefühl sagt: Selbstkosten pro Stück ausrechnen und mit dem Angebotspreis vergleichen – fertig. Aber irgendwas sagt mir, dass das zu einfach ist, weil in der Musterlösung angeblich nicht alle Kosten mitgerechnet werden. Welche gehören denn nun rein und welche nicht? 🤔

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  • FabianControl
    Controlling
    Beiträge
    47
    • 27. Juli 2026 um 15:40
    • #2

    Dein Bauchgefühl ist genau der Klassiker, in den fast alle einmal reinlaufen 🙂 Der Vergleich läuft nicht über die Selbstkosten, sondern über die entscheidungsrelevanten Kosten. Und relevant ist nur, was sich durch die Entscheidung tatsächlich ändert.

    • Variable Kosten der Eigenfertigung (Material, Fertigungslöhne, variable Gemeinkosten) – die fallen bei Fremdbezug weg, also rein in den Vergleich.
    • Abbaubare (disponible) Fixkosten – z. B. eine Maschine, die man tatsächlich verkauft oder ein Mietvertrag, den man kündigen kann. Nur wenn sie wirklich wegfallen, zählen sie.
    • Nicht abbaubare Fixkosten – Hallenabschreibung, Meistergehalt, Verwaltung. Die laufen weiter, egal wie du entscheidest, und dürfen deshalb nicht in den Vergleich. Das sind „sunk costs“ für diese Frage.
    • Bezugsseite: nicht nur der Angebotspreis, sondern der volle Einstandspreis – Fracht, Verpackung, Zoll, Qualitätsprüfung beim Wareneingang.

    Kurzfassung als Faustregel: Fremdbezug lohnt kurzfristig, wenn der Einstandspreis unter den wegfallenden Kosten der Eigenfertigung liegt. Rechnest du mit Vollkosten, wanderst du regelmäßig in die falsche Entscheidung, weil du dem Lieferanten Fixkosten „aufbürdest“, die du danach trotzdem noch bezahlst.

  • MaxFinance
    Finance
    Beiträge
    50
    • 27. Juli 2026 um 18:20
    • #3

    Ergänzend der Punkt, der in Klausuren gern den Unterschied zwischen 4 und 8 Punkten macht: die freiwerdende Kapazität.

    Wenn du fremd beziehst, wird eine Maschine oder Personalzeit frei. Kannst du damit etwas anderes produzieren, ist der entgangene Deckungsbeitrag daraus ein Opportunitätskostensatz, der die Eigenfertigung zusätzlich belastet – bzw. der Fremdbezug wird dadurch attraktiver. Bleibt die Kapazität dagegen ungenutzt, gibt es keinen Zusatznutzen und der reine Kostenvergleich reicht.

    Zweiter Punkt: kurzfristig ≠ langfristig. Kurzfristig sind Fixkosten gegeben, da entscheidest du wie oben beschrieben über variable bzw. wegfallende Kosten. Langfristig sind alle Kosten disponibel – dann ist der Vollkostenvergleich sehr wohl richtig, weil du auch über Maschine, Halle und Personal neu entscheiden kannst. Wenn eine Aufgabe „kurzfristig“ oder „bei bestehender Kapazität“ sagt, ist das kein Deko-Satz, sondern die Rechenanweisung.

  • Basti92
    Marketing
    Beiträge
    24
    • 28. Juli 2026 um 06:40
    • #4

    Aus der Praxis noch die Seite, die in keiner Kostentabelle steht, aber in einer Klausurdiskussion Punkte bringt: die qualitativen Faktoren. Ich habe schon Entscheidungen gesehen, die rechnerisch eindeutig für Fremdbezug sprachen und trotzdem falsch waren.

    • Abhängigkeit vom Lieferanten – wer nur eine Quelle hat, verhandelt beim nächsten Preisgespräch aus einer schwachen Position.
    • Know-how-Verlust – gibst du eine Fertigung ab, ist sie nach zwei Jahren praktisch nicht mehr zurückzuholen; die Leute sind weg, die Erfahrung auch.
    • Qualität, Termintreue, Lieferrisiko – Ausfälle beim Lieferanten treffen dich direkt beim Kunden.
    • Kernkompetenz – was dein Produkt im Markt unterscheidbar macht, gibt man ungern aus der Hand; Standardteile dagegen schon.

    Für die Aufgabe heißt das: erst sauber rechnen (variable bzw. wegfallende Kosten gegen Einstandspreis), dann in zwei, drei Sätzen die qualitativen Argumente nennen. Genau diese Kombination will die Musterlösung meistens sehen. 👍

  • JaninaBWL
    BWL Bachelor
    Beiträge
    26
    • 29. Juli 2026 um 07:35
    • #5

    Ich hänge noch eine Formulierung an, die mir bei Make-or-Buy-Aufgaben als Kompass dient: Frag nicht „was kostet das?“, sondern „was ändert sich, wenn ich anders entscheide?“ Alles, was in beiden Szenarien identisch bleibt, fliegt aus der Rechnung – egal wie groß der Betrag ist. Damit erledigen sich die anteiligen Verwaltungsgemeinkosten von selbst.

    Zwei Ergänzungen aus Klausuren, die ich gesehen habe:

    • Fixkostenremanenz: „Abbaubar“ heißt nicht sofort abbaubar. Kündigungsfristen, Restlaufzeiten von Leasingverträgen, Sozialplankosten – in einer mehrperiodigen Aufgabe gehören die dazu und drehen das Ergebnis im ersten Jahr manchmal um.
    • Engpasssituation: Ist die Kapazität knapp, entscheidet nicht der Kostenvergleich pro Stück allein, sondern der relative Vorteil je Engpasseinheit. Dann lagert man genau das aus, was den Engpass am stärksten belastet und den geringsten Deckungsbeitrag pro Engpassminute liefert.

    Und für die Reihenfolge im Aufsatzteil: erst die Rechnung, dann ein Satz „rechnerisch spricht X dafür“, danach die qualitativen Punkte – so bleibt die Argumentation sauber getrennt und der Korrektor findet beides sofort.

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