Gute Beobachtung – und die Antwort fängt beim Namen an: Okun ist kein Gesetz, sondern eine empirische Faustregel. Arthur Okun hat in den 1960ern für die USA einen statistischen Zusammenhang geschätzt, keine Naturkonstante hergeleitet. Das solltest du in der Klausur immer dazuschreiben, das ist oft schon ein Punkt.
Die geläufige Differenzenform lautet:
- Δu ≈ −β · (g − g*)
- Δu = Veränderung der Arbeitslosenquote in Prozentpunkten
- g = tatsächliche Wachstumsrate, g* = Wachstumsschwelle (das Wachstum, bei dem die Quote konstant bleibt)
- β = Okun-Koeffizient, für Deutschland empirisch grob 0,3 bis 0,5
Zwei Dinge erklären dein Rätsel schon fast:
- Die Wachstumsschwelle ist nicht null. Weil die Produktivität pro Kopf jedes Jahr steigt, braucht eine Volkswirtschaft ein gewisses Wachstum, nur um die Beschäftigung zu halten. Unterhalb dieser Schwelle steigt die Quote, oberhalb sinkt sie.
- Der Koeffizient ist deutlich kleiner als 1. Ein BIP-Rückgang von 2 % schlägt also nicht als 2 Prozentpunkte mehr Arbeitslosigkeit durch, sondern eher als 0,6 bis 1 Prozentpunkt – und selbst das nur mit Verzögerung.
Achte in Aufgaben genau darauf, welche Version gefragt ist: Es gibt neben der Differenzenform auch die Lückenversion (Abweichung vom Potenzialoutput bzw. von der natürlichen Arbeitslosenquote). Die Zahlen unterscheiden sich, die Logik nicht.