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Wer zahlt einen Importzoll eigentlich – der ausländische Hersteller oder wir?

  • PhilBWL
  • 25. September 2026 um 17:00
  • Unerledigt
  • PhilBWL
    BWL Bachelor
    Beiträge
    35
    • 25. September 2026 um 17:00
    • #1

    Servus,

    in den Nachrichten heißt es bei Zöllen gern „das Ausland zahlt“. In unserer VWL-Vorlesung meinte der Prof dagegen, das sei „eine Frage der Elastizitäten und nicht der Rechnung vom Zoll“. Hä?

    Formal überweist doch der Importeur den Zoll an den Staat. Und in der Übung sollen wir die Wohlfahrtswirkung eines Zolls im Diagramm einzeichnen, mit Konsumentenrente, Produzentenrente, Zolleinnahmen und irgendwelchen Dreiecken. Kann mir jemand erklären, wie das zusammenhängt?

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  • KathiVWL
    VWL
    Beiträge
    54
    • 25. September 2026 um 19:30
    • #2

    Dein Prof meint die Steuerinzidenz: Wer einen Zoll formal abführt, sagt nichts darüber, wer ihn wirtschaftlich trägt. Das entscheidet sich über die Preise.

    Fall 1: kleines Land (Standardfall in der Übung). Das Land kann den Weltmarktpreis nicht beeinflussen. Der Inlandspreis steigt also um den vollen Zoll. Getragen wird er von den inländischen Käufern.

    Rechenbeispiel: Weltmarktpreis 10 €, Zoll 2 €. Nachfrage Q_D = 100 − 5P, inländisches Angebot Q_S = 5P − 30.

    • Bei P = 10: Nachfrage 50, Inland produziert 20 → Import 30
    • Bei P = 12: Nachfrage 40, Inland produziert 30 → Import 10

    Wohlfahrt:

    • Konsumentenrente sinkt um 2 · (50 + 40) / 2 = 90
    • Produzentenrente steigt um 2 · (20 + 30) / 2 = 50
    • Zolleinnahmen 2 · 10 = 20
    • Nettoverlust 90 − 50 − 20 = 20

    Die 20 sind deine zwei Dreiecke: das Produktionsdreieck (½ · 2 · 10 = 10, teure Inlandsproduktion ersetzt billigere Importe) und das Konsumdreieck (½ · 2 · 10 = 10, Leute kaufen weniger, obwohl sie es zum Weltmarktpreis gekauft hätten).

    Merksatz: Umverteilung von Konsumenten zu Produzenten und Staat – plus zwei Dreiecke, die niemand bekommt.

  • LisaVWL
    VWL Master
    Beiträge
    52
    • 26. September 2026 um 06:50
    • #3

    Fall 2: großes Land – hier bekommt „das Ausland zahlt“ einen wahren Kern.

    Ist ein Land ein großer Nachfrager, sinkt durch den Zoll seine Importnachfrage so stark, dass der Weltmarktpreis fällt. Dann steigt der Inlandspreis um weniger als den Zoll, und ein Teil wird von den ausländischen Anbietern getragen (niedrigere Preise für sie). Man spricht von einem Terms-of-Trade-Gewinn. Im Diagramm kommt dafür ein zusätzliches Rechteck dazu: Zoll auf die Importmenge, soweit er durch den gesunkenen Weltmarktpreis gedeckt ist.

    Wie viel das Ausland trägt, hängt von den Elastizitäten ab: Je weniger die ausländischen Anbieter ausweichen können (unelastisches Exportangebot), desto mehr müssen sie selbst schlucken. Können sie leicht in andere Märkte liefern, landet der Zoll fast komplett bei den Inländern. Das ist der Satz deines Profs.

    Zwei Einschränkungen solltest du in der Übung erwähnen:

    • Vergeltung: Der Terms-of-Trade-Gewinn existiert nur, solange das andere Land nicht zurückschlägt. Mit Gegenzöllen verlieren meist beide.
    • Empirie: Studien zu den US-Zöllen 2018/19 fanden eine nahezu vollständige Überwälzung auf inländische Importeure und Verbraucher. Das „Ausland zahlt“ war dort also weitgehend nicht der Fall.
  • Basti92
    Marketing
    Beiträge
    31
    • 26. September 2026 um 22:10
    • #4

    Spannend, mal die Modellsicht zu lesen. Ich ergänze eine Beobachtung aus dem Vertrieb (wir importieren Zubehör aus Asien), weil das Modell ja ein Gleichgewicht beschreibt und die Praxis erst mal den Weg dahin zeigt:

    • Die Weitergabe kommt mit Verzögerung. Vor einer angekündigten Zollerhöhung wird auf Vorrat importiert, und diese Ware wird noch eine Weile zu alten Preisen verkauft. Die Preiswirkung im Laden kommt deshalb oft erst Monate später.
    • Wer die Last trägt, wird verhandelt. Wir haben mit unseren Lieferanten über Preisnachlässe gesprochen, gleichzeitig mit dem Handel über Preiserhöhungen. Wer am Ende wie viel trägt, hing ziemlich direkt davon ab, wer die besseren Ausweichmöglichkeiten hatte. Das ist im Grunde die Inzidenz-Logik aus den Antworten oben, nur am Verhandlungstisch statt im Diagramm.
    • Wechselkurse überlagern alles. Wenn sich der Kurs im gleichen Zeitraum um ein paar Prozent bewegt, kann das einen Teil des Zolls ausgleichen oder verstärken. Deshalb ist es empirisch so schwer, „den“ Zolleffekt sauber herauszurechnen.

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