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Lorenzkurve und Gini-Koeffizient – wie lese ich die Kurve, und was sagt der Wert wirklich aus?

  • MarieLpz
  • 26. August 2026 um 15:50
  • Erledigt
  • MarieLpz
    Soziale Arbeit
    BeitrÀge
    29
    • 26. August 2026 um 15:50
    • #1

    Hallo ihr Lieben đŸŒ± Bei mir steht gerade das Thema Einkommensverteilung an, und da tauchen stĂ€ndig Lorenzkurve und Gini-Koeffizient auf. Die Grafik mit der Diagonalen und der durchhĂ€ngenden Kurve habe ich vor Augen, aber:

    • Was steht eigentlich genau auf den beiden Achsen?
    • Wie lese ich aus so einer Kurve eine konkrete Aussage ab?
    • Und was bedeutet ein Gini von z. B. 0,3 im Vergleich zu 0,5 – ist das viel?

    Ich möchte das nicht nur auswendig können, sondern verstehen, was ich da eigentlich messe. Danke schon mal!

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  • KathiVWL
    VWL
    BeitrÀge
    49
    • 26. August 2026 um 17:35
    • #2

    Gern 🙂 Fangen wir mit den Achsen an, weil dort schon der halbe VerstĂ€ndnisgewinn steckt:

    • x-Achse: kumulierter Anteil der Bevölkerung – aufsteigend nach Einkommen sortiert. Ganz links stehen also die Ärmsten.
    • y-Achse: kumulierter Anteil des gesamten Einkommens, der auf diesen Bevölkerungsanteil entfĂ€llt.

    Die Sortierung ist der entscheidende Schritt: Nur deshalb kann die Kurve gar nicht anders, als unterhalb der Diagonalen zu verlaufen und dabei immer steiler zu werden.

    Die 45-Grad-Linie ist die Gleichverteilung: 20 % der Leute haben 20 % des Einkommens, 50 % haben 50 %. Je weiter die tatsÀchliche Kurve nach unten durchhÀngt, desto ungleicher ist verteilt.

    Ablesen funktioniert direkt als Satz: Gehst du bei x = 0,5 hoch und triffst die Kurve bei y = 0,25, heißt das „die einkommensschwĂ€chere HĂ€lfte der Bevölkerung erhĂ€lt 25 % des Gesamteinkommens“. Genau diese Formulierung wollen Aufgaben meistens hören.

    Der Gini-Koeffizient presst diesen Durchhang in eine Zahl:

    • Gini = FlĂ€che zwischen Diagonale und Lorenzkurve geteilt durch die gesamte DreiecksflĂ€che unter der Diagonalen.
    • 0 bedeutet vollkommene Gleichverteilung (die Kurve liegt auf der Diagonalen), 1 maximale Konzentration (einer hat alles).

    Zur Einordnung: VerfĂŒgbare Haushaltseinkommen liegen in Westeuropa typischerweise grob im Bereich 0,25 bis 0,35, sehr ungleiche LĂ€nder deutlich darĂŒber. 0,5 ist also ein großer Unterschied zu 0,3 – aber Vorsicht, vergleichbar sind Werte nur, wenn dieselbe Einkommensart gemeint ist.

  • LisaVWL
    VWL Master
    BeitrÀge
    47
    • 26. August 2026 um 20:15
    • #3

    Kathis Herleitung passt – ich hĂ€nge die Feinheiten dran, mit denen man in mĂŒndlichen PrĂŒfungen punktet, weil sie zeigen, dass man die Kennzahl nicht nur ausrechnen kann:

    • Eine Zahl kann nicht alles abbilden. Zwei völlig verschiedene Verteilungen können denselben Gini haben – nĂ€mlich immer dann, wenn sich ihre Lorenzkurven schneiden. Nur wenn eine Kurve komplett unterhalb der anderen liegt, ist die Aussage „eindeutig ungleicher“ sauber (Stichwort Lorenz-Dominanz).
    • Der Gini reagiert am stĂ€rksten auf VerĂ€nderungen in der Mitte der Verteilung und relativ schwach auf die RĂ€nder. Deshalb ergĂ€nzt man ihn gern um das S80/S20-VerhĂ€ltnis (oberstes zu unterstem FĂŒnftel) oder die ArmutsgefĂ€hrdungsquote.
    • Vor oder nach Umverteilung? Der Gini der Markteinkommen liegt spĂŒrbar höher als der der verfĂŒgbaren Einkommen (also nach Steuern und Transfers). Die Differenz der beiden ist selbst eine Aussage – sie misst, wie stark Steuer- und Sozialsystem umverteilen. Wer Werte aus verschiedenen Quellen vergleicht, ohne das zu prĂŒfen, vergleicht Äpfel mit Birnen.
    • Einkommen ist nicht Vermögen. Der Vermögens-Gini liegt fast ĂŒberall deutlich ĂŒber dem Einkommens-Gini, weil sich Ersparnisse ĂŒber Jahrzehnte aufbauen.

    Rechentechnisch: Bei gruppierten Daten (zum Beispiel fĂŒnf Quintilen) brauchst du kein Integral – du nĂ€herst die FlĂ€che unter der Lorenzkurve mit Trapezen zwischen den StĂŒtzpunkten an und ziehst das Ergebnis von der DreiecksflĂ€che ab. Das ist die Standardaufgabe im Übungsbuch.

  • Felix96
    WiWi
    BeitrÀge
    44
    • 28. August 2026 um 06:05
    • #4

    Kleine ErgĂ€nzung zur Rechnung, weil das in Klausuren regelmĂ€ĂŸig auftaucht: Wenn du den Gini aus Quintilen bestimmen sollst, geht das ĂŒber die Trapezformel. Du trĂ€gst die kumulierten Einkommensanteile ab, verbindest die fĂŒnf Punkte geradlinig und berechnest die FlĂ€che unter dem Streckenzug als Summe von Trapezen der Breite 0,2. Der Gini ist dann 1 − 2 × (diese FlĂ€che), weil die FlĂ€che unter der Diagonalen genau 0,5 betrĂ€gt.

    Wichtig ist das Bewusstsein fĂŒr den Fehler dabei: Zwischen den StĂŒtzpunkten unterstellst du eine Gerade, obwohl die echte Lorenzkurve dort nach unten durchhĂ€ngt. Der aus gruppierten Daten berechnete Gini ist deshalb systematisch eine Untergrenze – je gröber die Gruppierung, desto stĂ€rker die UnterschĂ€tzung. Mit Dezilen kommt man nĂ€her an den wahren Wert als mit Quintilen.

    Und weil oben die schneidenden Lorenzkurven angesprochen wurden: Genau deshalb wird der Gini in Berichten praktisch nie allein ausgewiesen, sondern zusammen mit dem S80/S20-VerhĂ€ltnis (oberstes zu unterstem Quintil). Zwei Verteilungen mit gleichem Gini können an den RĂ€ndern völlig verschieden aussehen – und in der politischen Diskussion sind meistens genau die RĂ€nder gemeint.

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