Die Verwirrung ist völlig normal, weil in der Praxis wirklich alles „testen“ heißt. Die Prüfungslogik ist aber sehr sauber, wenn man sie einmal an der richtigen Frage aufhängt – und die lautet: Gegen welches Dokument wird geprüft? Jede Teststufe hat ihr eigenes Bezugsdokument. Damit beantwortet sich auch dein Pflichtenheft-Rätsel.
Die vier Stufen von unten nach oben:
- Unit- oder Komponententest. Prüfgegenstand: der einzelne Baustein – eine Klasse, eine Funktion, ein Modul, isoliert von allem anderen. Bezugsdokument: die technische Feinspezifikation bzw. der Entwurf. Wer: die Entwicklerin selbst. Typischerweise automatisiert und bei jedem Build ausgeführt.
- Integrationstest. Prüfgegenstand: das Zusammenspiel der Bausteine, also die Schnittstellen. Bezugsdokument: der Grob- bzw. Architekturentwurf. Und hier liegt die Antwort auf deine erste Frage: Nein, das ist nicht „mehrere Unit-Tests zusammen“. Jede Komponente kann für sich fehlerfrei sein, und trotzdem kracht es an der Schnittstelle – vertauschte Parameter, unterschiedliche Einheiten, unterschiedliches Datumsformat, ein Modul liefert Meter, das andere erwartet Zentimeter. Genau diese Fehlerklasse findet ein Unit-Test nie, weil er die Nachbarn durch Platzhalter ersetzt.
- Systemtest. Prüfgegenstand: das vollständige System in einer produktionsnahen Umgebung. Bezugsdokument: das Pflichtenheft. Getestet wird gegen die Auftragnehmersicht dessen, was gebaut werden sollte – inklusive der nicht-funktionalen Anforderungen: Antwortzeiten, Last, Sicherheit, Bedienbarkeit. Wer: eine Testinstanz beim Auftragnehmer, idealerweise nicht dieselben Personen, die den Code geschrieben haben.
- Abnahmetest. Prüfgegenstand: erfüllt das System den Auftrag? Bezugsdokument: das Lastenheft. Wer: der Kunde bzw. die Fachabteilung, meist in dessen Umgebung und mit echten Fachdaten. Damit ist auch deine zweite Frage beantwortet – der Abnahmetest ist die einzige Stufe, die per Definition nicht beim Entwicklungsteam liegt, denn an ihm hängt die Abnahme und damit die Zahlung.
Und jetzt das V-Modell, das plötzlich Sinn ergibt: Der linke Ast beschreibt die Spezifikation von grob nach fein (Lastenheft, Pflichtenheft, Architektur, Feinentwurf), der rechte Ast das Testen von fein nach grob. Jede Teststufe rechts liegt auf derselben Höhe wie „ihr“ Dokument links. Deshalb wurde bei euch in der Vorlesung das Pflichtenheft im Test-Kapitel erwähnt: Es ist nicht nur ein Startdokument, sondern der Maßstab, an dem später gemessen wird. Wenn du dir für die Klausur nur eine Sache merkst, dann diese Zuordnung – daraus kannst du alles andere herleiten.
Kleiner Zusatz, weil es gern gefragt wird: Man unterscheidet zusätzlich Blackbox (nur Ein- und Ausgabeverhalten, ohne Kenntnis des Innenlebens – typisch für System- und Abnahmetest) und Whitebox (mit Kenntnis der Code-Struktur, Ziel etwa Zweigüberdeckung – typisch für Unit-Tests).