Das „Aber es ist doch für beide besser!“ ist genau der Punkt, um den es beim Gefangenendilemma geht – du hast den Kern also schon gefunden. Die Auflösung liegt darin, dass individuell rational und kollektiv optimal zwei verschiedene Dinge sind.
Schritt 1: Beste Antworten suchen. Versetz dich in Spieler A und geh jede mögliche Wahl von B durch:
- B schweigt: Schweigt A auch, bekommt er 1 Jahr, gesteht er, kommt er frei. → Gestehen ist besser.
- B gesteht: Schweigt A, bekommt er 10 Jahre, gesteht er, 5 Jahre. → Gestehen ist wieder besser.
Egal, was B tut – für A ist Gestehen immer besser. Das nennt man eine strikt dominante Strategie. Für B gilt spiegelbildlich dasselbe. Also gestehen beide und landen bei je 5 Jahren.
Schritt 2: Warum Absprachen nichts ändern. Angenommen, die beiden vereinbaren vorher: „Wir schweigen.“ Sobald sie getrennt verhört werden, stellt sich für jeden wieder dieselbe Rechnung – und Gestehen bleibt besser, gerade wenn der andere sich an die Absprache hält, denn dann kommt man frei. Eine Absprache ohne Durchsetzungsmechanismus ist in der Spieltheorie cheap talk: Sie ändert die Auszahlungen nicht, also auch nicht das Verhalten.
Schritt 3: Die Begriffe sauber trennen – das ist deine zweite Frage und eine sehr gute:
- Nash-Gleichgewicht: Eine Strategiekombination, bei der kein Spieler sich durch einseitiges Abweichen verbessern kann, gegeben die Strategie des anderen. Bei (gestehen, gestehen) prüfst du: Wenn A allein auf Schweigen wechselt, bekommt er 10 statt 5 Jahre – schlechter. Also Gleichgewicht.
- Dominante Strategie: eine Strategie, die unabhängig vom Verhalten des anderen die beste ist. Haben alle Spieler eine, ist die Kombination automatisch ein Nash-Gleichgewicht. Umgekehrt gilt das nicht. Viele Spiele haben Nash-Gleichgewichte ganz ohne dominante Strategien.
- Pareto-Effizienz: Ein Ergebnis, bei dem sich niemand verbessern kann, ohne dass ein anderer schlechter gestellt wird. (schweigen, schweigen) ist Pareto-effizient, (gestehen, gestehen) nicht – denn beim Wechsel zu beidseitigem Schweigen gewinnen beide.
Das Dilemma in einem Satz: Das Nash-Gleichgewicht ist nicht Pareto-effizient. Genau diese Lücke macht das Spiel so berühmt.
Klausurtechnik für Matrizen: Markiere für Spieler A in jeder Spalte die beste Auszahlung, für Spieler B in jeder Zeile die beste. Ein Feld, in dem beide Werte markiert sind, ist ein Nash-Gleichgewicht in reinen Strategien. Das funktioniert bei jeder 2×2-Matrix und findet auch Spiele mit zwei Gleichgewichten, zum Beispiel Koordinationsspiele, bei denen es vor allem darauf ankommt, sich auf dasselbe zu einigen. Und es gibt Spiele ganz ohne Gleichgewicht in reinen Strategien, etwa das Münzwerfen-Spiel, bei dem jeder den anderen überraschen will – dort braucht man gemischte Strategien.